„Wir wollen Schwellen senken und Jugendliche darüber aufklären, wo sie Hilfe finden.“Von den Brüchen zwischen "klinischer" und "realer" Welt

Frage: Was gibt es dazu für neue Erkenntnisse aus der Forschung?

Frau Prof. Dr. Susanne Knappe: Es ist ein Thema, das nur wenig beforscht wird. Das hat verschiedene Ursachen. Zum Beispiel gibt es wenig Förderlinien dafür. Außerdem wissen wir vom Ende der 80iger, Anfang der 90iger Jahre, dass einige wenige Präventionsprogramme sogar gegenteilige Effekte hervorgerufen haben. Eigentlich wollten sie suizidpräventiv sein, haben aber letztlich eine höhere Rate an Suizidgedanken messen können. Inzwischen ist man da wesentlich weiter und hat Programme entwickelt, die diesen suizidpräventiven Effekt hervorrufen können. Es würde also darum gehen, dass wir diese Art von Programmen implementieren. Dabei sollen über die Förderdauer hinaus Projekte geschaffen werden, welche einen Effekt haben und nicht nur einen Tropfen auf den heißen Stein darstellen.

Wenn uns darüber ein guter Austausch gelingt, dass akute seelische Krisen mit suizidalen Gedanken nicht nur im Erwachsenenalter, sondern auch bei Kindern und bei einem Teil der Jugendlichen auftreten und Gesundheitsförderung auch Teil des gesunden Aufwachsens ist, dann haben wir viel gewonnen.

Frage: Inwiefern sind solche Projekte in den Praxen der niedergelassenen Kollegen angekommen?

Frau Prof. Dr. Susanne Knappe: Dort ist das Thema Suizidalität bei Kindern und Jugendlichen sehr wohl angekommen, in Qualitätszirkeln, in Intervisionsgruppen. Aber dann, wenn die Schüler an ihre Schulen zurückgehen, entsteht zum Beispiel die Frage, wie soll dort damit umgegangen werden? Wie kann der Schüler reagieren, wenn er auf sein langes Fortbleiben angesprochen wird? Welchen Informationsbedarf haben Lehrkräfte? An dieser Stelle berühren sich „klinische“ und „reale“ Welt. Hier begegnen wir Barrieren und Mythen um das Thema Suizidalität. Deswegen ist es unser Wunsch, dass wir dieses Projekt so weit wie möglich bekannt machen und am Leben halten. Wir kennen gute Präventionsprogramme, doch sie werden wenig genutzt. Unsere Kollegen sind dabei sehr wichtig: sie sind auch Eltern und kennen Eltern. Vielleicht gelingt es auf diesem Weg, für das Thema zu sensibilisieren.

Frage: Inwieweit könnte das den Praxisalltag der Therapeuten verbessern?

Frau Prof. Dr. Susanne Knappe: Ich kann ihnen ein ganz gegenwärtiges Beispiel berichten: Ein Schüler hat auf Drängen der Eltern an einem solchen Projekt teilgenommen. Die Mutter hatte schon einige Zeit im Gefühl, da ist etwas, nicht nur Teen-Kummer, sondern mehr. Der Sohn hat sich dem immer verweigert. Auf Drängen der Mutter nahm der Junge an dem Programm teil. Wir haben den Jungen über ein Screening als „auffällig“ eingestuft. Er wurde befragt und ihm wurde ein Beratungsgespräch angeboten, es gab mehrere E-Mails und Telefonkontakte. Nächste Woche kommt er also mit seiner Mutter zu uns und stellt sich vor. Wir wollen Schwellen senken und Jugendliche darüber aufklären, wo sie Hilfe finden. Das muss nicht der niedergelassene Psychotherapeut sein. Das muss auch nicht die stationäre Einrichtung sein. Es gibt eine Vielzahl von Hilfsmaßnahmen und -angeboten, die Jugendliche teilweise kennen, sich aber nicht trauen, sie in Anspruch zu nehmen. Sie fürchten, da muss ich meinen Namen sagen, da erfahren das meine Eltern. Unser Auftrag ist es, dass zu entschärfen und darüber den Zugang zu Hilfsangeboten zu öffnen. Das Wissen um Hilfsmaßnahmen möchten wir in der Gesellschaft verbreitern. Damit können wir viel gewinnen.

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