Seniorin im Rollstuhl mit Betreuerin

Ein umfassender Blick und gut umsetzbares Wissen für Sie auf die „Psychotherapeutische Unterstützung für pflegende Angehörige“Forschung entwickelt und evaluiert Manuale und Interventionsstrategien für pflegende Angehörige

Frage: Was gibt es dazu für neue Erkenntnisse aus der Forschung?

Prof. Wilz: Zum einen ist es wichtig, das Setting zu bedenken, dass pflegende Angehörige gerade von älteren Menschen – häufig mit Demenz – selbst oft nicht mobil oder krank sind und meist die Betroffenen nicht allein zu Hause lassen können. Jedenfalls ist es ein Klientel, das oft Barrieren, Schwierigkeiten hat, in die therapeutische Praxis zu kommen. Da sind neue Wege gefragt, zum Beispiel telefonisch die therapeutische Unterstützung anzubieten. Wir haben auch Onlineangebote entwickelt, die voraussichtlich ab nächstem Jahr bundesweit kostenfrei zur Verfügung stehen und die man unterstützend nutzen kann, auch für pflegende Angehörige in der niedergelassenen Praxis.

Pflegende Angehörige sind oft hochbelastet und sehen sich schwierigen, herausfordernden Situationen ausgesetzt. Auch emotional ist die Belastung hoch, was sich zum Beispiel in Erschöpfung, Grübeln und Schlafstörungen äußern kann. Für die Angehörigen sind psychotherapeutische Interventionen sehr hilfreich. Dafür haben wir Manuale konzipiert, die ich zum Vortrag in Leipzig in Grundzügen vorstellen werde.

Frage: Warum finden Sie es wichtig, dass die Forschung in die Praxis getragen wird?

Prof. Wilz: Wir haben für diese Zielgruppe mittlerweile drei Manuale entwickelt. Ein Manual ist sehr handlungsorientiert mit vielen Auszügen aus den Therapien und ist erklärend beschrieben. Dann gibt es ein komprimiertes Manual, das in diesem Jahr erschienen ist und zusammenfasst und die Zielgruppe erweitert hat. Des Weiteren gibt es einen Ratgeber für pflegende Angehörige. In der Ausbildung der Psychotherapie ist das Thema bisher noch wenig etabliert.

Frage: Wie lange beschäftigen Sie sich bereits damit und wie sind sie selbst auf das Thema gestoßen?

Prof. Wilz: Ich beschäftige mich seit über 30 Jahren mit dem Thema. Meine ersten klinischen und wissenschaftlichen Erfahrungen machte ich in der Medizinpsychologie in Leipzig mit Projekten zu Angehörigen von Menschen mit Demenz und Schlaganfall. Auch bereits meine Diplomarbeit habe ich zu Angehörigen von Menschen mit chronischen Schmerzen geschrieben. Es ist sehr wichtig, in diesem Bereich psychotherapeutische Intervention zu nutzen, auch wenn es eher im Bereich Prävention angesiedelt ist. Denn pflegenden Angehörige sind in der Regel nicht psychisch krank, sondern enorm belastet. Die Forschung und klinische Erfahrung zeigt jedoch, dass psychotherapeutischen Verfahren auch für pflegende Angehörige sehr sinnvoll und nützlich sein können.

Frage: Wie groß ist dieses Thema in den therapeutischen Praxen?

Prof. Wilz: Es ein großes Thema zu nennen, wäre übertrieben. Aber zunehmend erzählen Kolleginnen und Kollegen aus der Niederlassung, dass Patienten zu ihnen kommen aufgrund einer Depression zum Beispiel oder einer Anpassungs-, Überlastungs- oder Schlafstörung. Im Gespräch kommt dann oftmals heraus, dass sie sehr stark in die Pflege Angehöriger eingebunden sind. Von daher ist es wichtig, gut informiert zu sein und zu wissen, was mit diesen Themen verbunden ist und es gut in die Therapie einzubeziehen.

Frage: Es ist also sehr wichtig, Forschung und Praxis zu verknüpfen?

Prof. Wilz: Genau diese Frage gilt es im Blick zu haben. So entwickeln und evaluieren wir in der Forschung Manuale und Interventionsstrategien damit diese gut für pflegende Angehörige passen und in der Praxis anwendbar sind. Bei pflegenden Angehörigen von Menschen mit Demenz geht es beispielsweise viel um Emotionsregulation. Menschen mit Demenz zeigen manchmal selbstschützendes  Verhalten, mit dem schwer umzugehen ist. Es geht um die Fragen: Wie kann ich gut damit umgehen, damit es nicht zur Eskalation kommt. Oder wie kann ich gut für mich selber sorgen. Wie kann ich mir erlauben Hilfe und Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Der Umgang mit Trauer und Verlust ist auch groß, weil Menschen mit Demenz sukzessive verloren gehen – in der Beziehung und in der Kommunikation. Wie man das in der Therapie gut berücksichtigen kann, gilt es zu vermitteln.

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