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Mundschutz in der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie – notwendig, sinnvoll oder überflüssig?Ein persönliches Für und Wider von Dr. Sabine Ahrens-Eipper

„Die Masken-Menschen in Bussen, Bahnen oder im Fernsehen sind komisch, können Kinder irritieren“, sagt Beate Leinberger, Vorsitzende des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten (BKJ). Eine Belastung werde es jedoch für Kinder, wenn ihre Eltern Angst zeigen. „Wenn Eltern unruhig werden, überträgt sich das natürlich auf die Kinder“, so Leinberge weiter. Ähnlich äußert sich Thomas Fischbach, Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ). „Vermummte Menschen mit Masken wie aus dem Weltall, das hat etwas Bedrohliches“, sagt Fischbach.

Dr. Sabine Ahrens-Eipper, OPK-Vorstandsmitglied und Psychologische Psychotherapeutin, schwerpunktmäßig in der Versorgung von Kindern und Jugendlichen tätig, niedergelassen in Halle, hat in diesem Artikel ihre ganz persönlichen Gedanken zum Mundschutz in der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie niedergeschrieben.
Letzten Endes bleibt es doch Ihr persönliches Abwägen, wie Sie die Hygienemaßnahmen in Ihrer Praxis umsetzen und wie viel Risiko Sie tragen können.

 

Kreative Ideen sind gefragt in der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie. Wie wäre es mit diesem besonderen Mundschutz, regt Dr. Sabine Ahrens-Eipper mit einem Augenzwinkern an.

„Als Heilbehandler*innen ist uns die Gesundheit unserer Patienten sehr wichtig. Unsere Fachkompetenz ist hier natürlich die psychische Gesundheit, wobei uns die körperliche Gesundheit natürlich auch am Herzen liegt. Unter normalen Bedingungen achten wir selbstverständlich darauf, dass unsere Patient*innen nicht mit Infekten oder ansteckenden Erkrankungen in unsere Praxis kommen, schicken auch mal ein Kind wieder nach Hause, welches wegen eines Infektes nicht in die Schule geht und dessen Eltern dachten, in die Therapie kann es ja gehen. Wir halten schon immer übliche Hygieneregeln ein, wer es genau wissen will, besucht ein Seminar bei der Kassenärztlichen Vereinigung.

Gerade als Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutinnen werden wir auch mal angehustet oder angeniest. Jüngere Kinder stecken Spielsachen oder Spielkarten in den Mund. So mancher kleine Patient wischt sich versonnen mit dem Handrücken die Nase ab oder lässt laufen, was da laufen möchte und reagiert auf die Nachfrage, ob er vielleicht ein Taschentuch benötigt mit einem souveränen: „Nö, vielen Dank!“.

Mit Corona ändert sich unser Blick auf Tröpfcheninfektionen: Von einem lästigen Übel, welches wir alljährlich zumindest im Herbst in Kauf nehmen, werden niesen und angeniest werden zu möglichen Risiken, die es einzuschätzen, abzuwägen und einzugrenzen gilt.

Was können wir tun, um gesundheitliche Risiken im Praxisbetrieb gering zu halten?

Abstand halten: Das Kommen und Gehen der Patienten und ihrer Eltern sollte so organisiert werden, dass möglichst wenig Begegnung erfolgt, das Abstand einhalten möglich ist.

Hände waschen: Das Hände waschen auf der Seite der Therapeut*innen dürfte in der aktuellen Situation zwischen den Therapieterminen selbstverständlich sein. Mit den Kindern besteht die Möglichkeit, die Sitzungen mit einem gemeinsamem Händewaschen zu beginnen, bei Jugendlichen und Erwachsenen könnte die Aufforderungen per Aushang, sich vor der Therapie die Hände zu waschen, bereist ausreichend Wirkung zeigen.

Praxiseingang: Hier besteht die Möglichkeit, bereits am Praxiseingang per Schild darauf hinzuweisen, dass Menschen, die Symptome haben, die auf das Corona Virus hinweisen, die Praxis nicht betreten sollen, sondern sich telefonisch melden mögen, um das weitere Vorgehen zu besprechen.

Videosprechstunden: Hätte mich vor einem halben Jahr jemand gefragt, was ich von Videosprechstunden halte, hätte ich wahrscheinlich geantwortet: Wenn meine Patienten sich im Ausland aufhalten, kann ich mir das vorstellen. Als breite Anwendung nicht.

Aktuell findet über die Hälfte meiner Sitzungen kontaktlos statt. Ich bin überrascht, wie gut der Kontakt herstellbar ist und wie unkompliziert auch Kinder im Grundschulalter über dieses Medium zu erreichen sind. Aktuell erproben wir verschiedene Vorgehensweisen, um auch die Behandlung jüngerer Kinder möglich zu machen.

Die Mundschutz-Frage

Ein derzeit intensiv und kontrovers diskutiertes Thema ist Sinn und Einsatzmöglichkeiten eines Mundschutzes.

Das Robert-Koch-Institut (RKI) teilt auf seiner Website mit, dass ein Mund-Nasen-Schutz oder eine andere Textilbarriere bei Personen mit akuten Atemwegsinfektionen, die in die Öffentlichkeit müssen, zum Schutz anderer Menschen sinnvoll sein kann. Das RKI warnt jedoch davor, sich aufgrund der Maske in falscher Sicherheit zu wiegen. Andere Maßnahmen wie gründliches Händewaschen und Abstandhalten dürften nicht vernachlässigt werden. Weiterhin könnte man sich beim Auf- und Absetzen des Mund-Nasen-Schutzes selbst infizieren.

Maximaler Schutz würde eine umfängliche professionelle Schutzkleidung bieten, wie sie im Umgang mit infizierten Patienten notwendig ist. Denkt man diesen Gedanken weiter, müsste diese jedoch regelmäßig gewechselt werden, um eine Übertragungen von Patient zu Patient zu vermeiden. Im Sinne einer Risikoabwägung scheint dies nicht sinnvoll. Auch Haus- und Kinderärzte tragen professionelle Schutzkleidung und professionelle Schutzmasken nur, wenn sie es mit infizierten Patienten zu tun haben. Dies entspricht den aktuellen Empfehlungen der Berufsverbände, beispielsweise dem Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ).

Professionelle Atemschutzmasken sollten dem medizinischen Personal vorbehalten bleiben, da diese Menschen in engem Kontakt mit Infizierten arbeiten. Es ist  wichtig, Versorgungsengpässe während der Corona Pandemie zu vermeiden und diese Masken dem Markt nicht zu entziehen.

Wie hoch ist das Risiko, in der Therapie Praxis Menschen zu begegnen, die bereits mit dem Corona Virus infiziert sind? Aktuell sind in Deutschland 80 Personen pro 100.000 Menschen nachweislich mit dem Coronavirus infiziert. Das sind 0.08% der Bevölkerung. Aktuell wird angenommen, dass die Dunkelziffer 5-20 mal höher sein könnte, damit wären es 0.4 bis 1.6 Prozent der Bevölkerung. In unseren fünf Ländern sind die Zahlen niedriger als Im Bundesdurchschnitt.

Welchen Vorteil könnte das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes bringen? Er könnte in gewissem Maße verhindern, dass Therapeut/Therapeutin, welche/r infiziert ist und nichts davon weiß, diesen weiter gibt. Konsens scheint derzeit zu sein, dass der einfache Mund-Nasen-Schutz vor einer Übertragung des Virus von einem infizierten Patienten an die Therapeutin (mit Mundschutz) kaum schützen kann. Von verschiedenen Seiten hört und liest man derzeit, es sei „kein Schaden“, sich diesen umzubinden. Wer in die Öffentlichkeit gehe und nicht wisse, ob er infektiös sei, signalisiere damit: „Ich übernehme Verantwortung.“ Es sei „eine gute Höflichkeitsgeste“. Teils raten Virologen, dass alle Bürger*innen diese in der Öffentlichkeit tragen sollten, um Tröpfcheninfektionen zu vermindern, teils werden dies Maßnahmen von ebenso fachkundigen Virologen als weder wissenschaftlich belegt noch als zielführend eingeschätzt. So bleibt uns als Nicht-Virologen nur die Einschätzung und Abwägung der Risiken mit aller Sorgfalt.

Das therapeutische Setting ist eine sehr spezielle Situation. Weder kann es mit einer ärztlichen Situation gleich gesetzt werden, in der explizit auf Corona getestet wird und der Arzt sich professionell schützen muss. Es ist jedoch auch nicht dieselbe Situation wie beim Einkaufen, wo wir vielen Personen begegnen, die sich unkoordiniert bewegen und über die wir nichts wissen und die wir nicht einschätzen können.

Psychotherapie ist sehr persönlich, ein lebendiger Austausch und über alle Verfahren hinweg intensive Beziehungsarbeit. Ängste, Scham, Schuld und Wut werden thematisiert und ausagiert. Und wir als Therapeutinnen reagieren – verständnisvoll, empathisch, hinterfragend, beruhigend, strukturierend oder aufmunternd und oft: mit einem Lächeln. Wollen oder sollten wir derzeit darauf verzichten?

Ein zweiter bedenkenswerter Aspekt besteht darin, dass Masken oder gar Schutzkleidung Kinder irritieren und ängstigen können, ihr Sicherheitsgefühl möglicherweise erschüttern.

Auch in unserer Praxis wägen wir tagtäglich neu ab, wie wir unsere Patient*innen unter den aktuellen Bedingungen bestmöglich versorgen können. Wir haben uns für die anfänglich geschilderten Vorsichtsmaßnahmen entschieden: Abstand halten, Hände waschen mit den Kindern, auf Niesetikette aufmerksam machen, Videosprechstunden anbieten, Patient*innen mit Erkältungssymptomen nicht im direkten Kontakt behandeln.

Den Mundschutz oder Mund-Nasen-Schutz setzen wir zum jetzigen Zeitpunkt nicht ein. Die WHO sieht derzeit keinen allgemeinen Nutzen im Mundschutz tragen – die Einschätzungen der WHO sind für mich handlungsleitend. Sollte sich die Einschätzung der WHO  ändern, würde ich mich dieser Einschätzung natürlich anschließen.

Aktuell müssen wir uns jeden Tag neu einstellen, auf Verordnungen, Empfehlungen und neue Risikoeinschätzungen. Wir sind ein wichtiger Teil der Versorgung, während der Corona Pandemie und der Schul- und Kindergartenschließungen halte ich es für besonders wichtig, dass wir die psychotherapeutische Versorgung so umfänglich wie möglich ausüben und gerade für hochbelastete Familien da sind. Vielleicht gab es noch nie einen wichtigeren Zeitpunkt für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten, mit unserer Arbeit Familien und Kinder durch diese schweren Zeiten zu führen, zu begleiten und öffentlich als Beruf in Erscheinung zu treten.“