Kopfschmerzen

Zum 2. KJP-Symposium in Potsdam: Psychosomatische Störungen und funktionelle Schmerzen –Insbesondere Migräne – bei Kindern und Jugendlichen: Hanne Seemann im Gespräch

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Hanne Seemann

Frage: Ist aus Ihrer bisherigen Erfahrung eine Zunahme von Kindern mit psychosomatischen Störungen und funktionellen Schmerzen wahrzunehmen?

Hanne Seemann: Das kann ich durchaus mit Ja beantworten. Das lässt sich auch über die Prävalenzraten nachweisen. Die Zahl der Kopfschmerzpatienten unter den Kindern und Jugendlichen hat sich in den letzten 20 Jahren ungefähr verdoppelt. Gerade finnische Studien haben gezeigt, dass Kinder immer früher Kopfweh kriegen. Dabei haben verschiedene Altersklassen unterschiedliche Kopfschmerzformen – häufig Mischformen aus Migräne und Spannungskopfschmerzen, die auch wechseln können. Bei jungen Kindern sind eindeutige Diagnosen nicht leicht zu stellen – was für die psychologische Therapie aber keine Rolle spielt.

Frage: Wie erklären Sie sich das? Was sind die Gründe für diese Entwicklung?

Hanne Seemann: Es gibt verschiedene Annahmen. Wir sind heute sicher aufmerksamer und sensibler gegenüber diesem Thema. Meine Erklärung psychologischerseits ist aber, dass unsere Kinder heute sehr frühzeitig „in den Kopf geschickt werden“, also kognitiv gefordert sind. Sie müssen schnell sehr viel lernen und sind vielfältigen Anforderungen ausgesetzt. Wenn ich an meine Kindergartenzeit denke, so haben wir viel mehr Spiele gespielt, wo man vor sich hin spielen, bei sich selbst sein und tun konnte, wonach einem eben war.

Kinder haben ein sehr gutes Gespür für ihren Körper, für das, was sie gerade brauchen. Das funktioniert unwillkürlich. Wir haben aber nun begonnen, diese Bedürfnisse sehr früh zu steuern und Gegenreize zu setzen. Wir halten die Kinder an, nach unseren Vorstellungen Dinge zu tun, eine stärkere Außenorientierung einzuüben, weg von den eigenen Bedürfnissen. Darum ist der Kindergarten heute so anstrengend. Die Ansprüche sind groß geworden und die Außenorientierung wird stark gefördert.

Der Kopf von Migräne-Kindern, z.B., ist konstitutionell auf das Aufnehmen von Außenreizen eingestellt: Deren Gehirn ist quasi immer aufmerksam und reizoffen, es nimmt alles auf und muss es verarbeiten. Menschen mit einer Kopfschmerz-Disposition haben in ihrem Gehirn zu wenig eingebaute Filter- d.h. Hemm-Systeme. Also müssen sie besonders gut auf sich aufpassen, wann es ihrem Gehirn zu viel wird. Die Migräne ist ein Notfallreflex und Nervensystem-Zusammenbruch.

Frage: Sind dann unsere gut gemeinten Bemühungen zur Förderung von Kindern eher kontraproduktiv und schaden sogar, wegen zu vieler Außenreize?

Hanne Seemann: Eine reizvolle und fördernde Umwelt bringt schon positive Effekte, aber manchmal auch Kopfweh. Ich würde jetzt nicht sagen, das ist falsch. Es gibt aber Kinder, die mit zu vielen Außenangeboten überlastet sind.

Frage: Müssen Eltern und Bezugspersonen dann nicht das rechte Maß an Förderung wieder sehen und erkennen lernen? Binden Sie Eltern mit ein?

Hanne Seemann: Ich habe meistens mit Kindern zwischen acht und zwölf Jahren gearbeitet. Ich kenne sie also nicht, wenn sie noch ganz klein sind. In diesem Alter hat sich der Umgang mit der reizvollen Welt bereits ausgebildet. In der Arbeit mit sehr kleinen Kindern würde ich den Eltern sagen, achten Sie sehr darauf, wie viel Außenorientierung euer Kind verträgt und wann es sich selber daraus wegräumt. Das Kind muss auch sagen dürfen, wann es eine Pause oder Bewegung braucht. Die Bedürfnisse der Kinder stehen im Vordergrund. Es muss sich auf seine Bedürfnisse besinnen können und  Eltern sollten das unterstützen.

Wir als Therapeuten fordern die Kinder auf, sich auf ihren eigenen Rhythmus zu besinnen. Merken zu dürfen, wann es einem zu viel wird, und was man stattdessen gerade braucht, ist schon mal eine Aufgabe für ein Kind.

Frage: Müssen Sie Psychotherapeuten sensibilisieren, mit solchen Dingen umzugehen?

Hanne Seemann: Ja, ich gebe Unterricht dafür. Die meisten Therapeuten sind Verhaltenstherapeuten, die stark auf das Tun und auf das Verhalten gucken. Hier ist aber Achtsamkeit mit sich selbst gefragt: Wann geht es mir gut, wann nicht? Das ist die Basis für ein gutes Leben. Die Kinder sollten spüren dürfen, was brauche ich jetzt. Dann bestehen sie auch in einer hektischen Welt, wie der unseren.

Frage: Brauchen diese Kinder und Jugendlichen flexiblere Angebote in der psychotherapeutischen Versorgung?

Hanne Seemann: Wenn etwas nicht stimmt, reagiert der Körper zuerst. Und der Körper hat immer recht – wenn man ihn auch nicht gleich versteht. Deshalb ist Wissen in der Psychosomatik gefragt. Wenn sich die Psychotherapeuten-Ausbildung mehr auf die Psychosomatik einstellen würde, wäre das ein guter Anfang. Mit psychischen Störungen und Verhaltensstörungen können die Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten gut umgehen. Die Systemiker binden auch die Familie mit ein – das ist gut – aber gerade das Kind muss seinen Weg finden.

Ich bin Hypnotherapeutin. In der Verhaltenstherapie liegt der Fokus auf der Problemanalyse. In der Hypnotherapie geht es eher darum zu schauen, wie man dahin kommt, dass es gut läuft. Keine Problemanalyse. Wir fragen das Kind, unter welchen Bedingungen geht es dir denn gut? Wann hast du keine Kopfschmerzen? Kinder sind extrem kluge Leute und es braucht zumeist nur wenig Zeit, dieses In-sich-Hineinhören anzustoßen. Wir stärken sie in der Achtsamkeit dafür, wo und wann  es ihnen gut geht und ermutigen sie – unauffällig – ihr eigenes Lebens-Spiel zu spielen.